Geschichte

Der gute Wille allein reicht nicht
"Auch Kinder mit Behinderungen sind bildungsfähig.“
Diese Aussage wollten Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts entgegen landläufiger Annahme und bestehender Gesetzeslage engagierte Kölner Pädagogen und Schulpsychologen unter Beweis stellen. 
 
Ihre Initiative mündete in die Gründung verschiedener Kleinklassen für Kinder mit geistigen Behinderungen, Verhaltensauffälligkeiten und cerebralen Bewegungsstörungen.
1959 wurden schließlich von Prof. Dr. Siglinde Kunert zwei Klassen für körperbehinderte Kinder eröffnet. Aus diesen beiden Kleingruppen entwickelte sich in wenigen Jahren eine 14-klassige Schule, die heute unter der Trägerschaft des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) in der Kölner Belverderestraße geführt wird (Rheinische Schule für Körperbehinderte).
Unter der Leitung von Siglinde Kunert kümmerte sich damals eine Reihe von Pädagogen, Psychologen und Psychotherapeuten mit großem Engagement um die Bildung der Kinder mit ihren vielfältigen Behinderungsformen. 
 
Doch schnell stieß das Team an seine Grenzen – der gute Wille allein reichte nicht aus, um den speziellen Anforderungen und Bedürfnissen der körperbehinderten Kinder gerecht zu werden. Zu wenig wusste man über ihre Leistungs- und Persönlichkeitsstrukturen, ihre sozialen Besonderheiten und um gezielte Fördermöglichkeiten.
Auch sonst nirgendwo in Deutschland gab es eine Institution, die zu diesen Themen die notwendige wissenschaftliche Grundlagenarbeit leistete, deren Ergebnisse sich in die Praxis umsetzen ließen.
Aus dieser unbefriedigenden Lage gab es nur einen Ausweg: Selbst forschen.
 
Keine Wissenschaft ohne Praxis
In Zusammenarbeit mit dem Schulpsychologischen Dienst der Stadt Köln entwickelte die Gruppe um Siglinde Kunert erste Ansätze in der Grundlagenforschung zu psycho-physischen Eigenarten von körperbehinderten Kindern und speziell auf sie abgestimmte Erziehungsmethoden und Möglichkeiten der frühen Förderung.

Im Juli 1964 wurde dieser wissenschaftliche Auftrag mit der Eintragung des Vereins Forschungsgemeinschaft „Das körperbehinderte Kind“ institutionalisiert. Das Interesse der Öffentlichkeit damals war groß; gab es doch auch in Köln seit Anfang der 60er Jahre eine Anzahl contergangeschädigter Kinder, deren Eltern sich gemeinsam mit engagierten Politikern sehr offensiv und aktiv für die bestmögliche Förderung und Rechte ihrer Kinder einsetzten.

Neben der wissenschaftlichen Arbeit hatte sich der Verein aber auch zum Ziel gesetzt, die gewonnen Erkenntnisse zu verbreiten und vor allem, so lautet es in der Satzung, „für deren sinnvolle Anwendung in der heilpädagogischen und sozialpolitischen Praxis einzutreten."

Die gesammelten und aufgearbeiteten Erkenntnisse des Forschungsinstituts fanden also ihre unmittelbare Anwendung in der Praxis: Immer ging es darum, die Erkenntnisse über Entwicklungsbedingungen, Persönlichkeitsstrukturen sowie Lernverhalten von körperbehinderten und entwicklungsverzögerten Kindern in den schulischen, sozialen und familiären Raum zu transportieren.

Damit sollte die Lebensqualität der Kinder und ihrer Eltern nachhaltig verbessert werden und selbstverständlich gehörte dazu in hohem Maße die regelmäßige therapeutische Arbeit mit den Kindern. Die Therapeuten erkannten allerdings recht bald: Je früher die Förderung beginnt, desto größer die Erfolgsaussichten. So wurden schon Ende der 60er Jahre nicht nur Schulkinder, sondern immer häufiger auch Kleinkinder und Säuglinge behandelt.
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Noch mehr Praxis
Dazu wurde eigens eine Abteilung eingerichtet: Das Zentrum für Frühbehandlung und Frühförderung. Hier wurden bereits 1968 die ersten schwerstbehinderten Säuglinge und Kleinkinder von Therapeuten krankengymnastisch betreut, die zuvor in London eine Zusatzausbildung nach dem Bobath-Konzept absolviert hatten.

1969 erhielt die Forschungsgemeinschaft „Das körperbehinderte Kind“ vom Minister für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen einen Forschungsauftrag über die Dauer von fünf Jahren mit der Aufgabe, Ergebnisse der Frühbehandlung von Kindern mit cerebralen Bewegungsstörungen zu kontrollieren und wissenschaftlich zu dokumentieren.

Nun griffen die Mitarbeiter alle bislang gewonnenen Erkenntnisse zur Intelligenz und Persönlichkeitsentwicklung behinderter Kinder auf und setzen sie in konkrete praxisorientierte therapeutische Maßnahmen um. Aber auch neue Fragestellungen aus den Erfahrungen mit dem Lern- und Leistungsverhalten von körperbehinderten Säuglingen und Kleinstkindern im Alltag wurden entwickelt.

Daraus entstand ein komplexes Frühförderkonzept, das medizinisch-neurophysiologische, entwicklungs- und lernpsychologische sowie persönlichkeitspsychologische Aspekte berücksichtigte. Damit war die interdisziplinäre Frühförderung in Köln geboren.
 
Den Kölner Kindern verpflichtet
Nach Beendigung des Forschungsauftrages bestand eine hohe Verpflichtung gegenüber den betroffenen Kindern aus Köln und Umgebung, die Arbeit mit ihnen fortzusetzen. Unter der konsiliarischen Betreuung der Universitätskinderklinik und unter der Leitung der Psychologin Dr. Tordis Horstmann führten die Pädagogen und Therapeuten die interdisziplinäre Frühförderung weiter.

Mit seiner Abteilung „Zentrum für Frühbehandlung und Frühförderung“ konnte die Forschungsgemeinschaft „Das körperbehinderte Kind“ den Forderungen seiner Satzung nach einer sinnvollen Anwendung der Forschungsergebnisse daher in hohem Maße gerecht werden.

Im Laufe der nächsten Jahre stieg die Zahl der behandelten Kinder um ein Vielfaches. Wurden im Jahr 1970 60 Kinder therapiert, waren es1980 bereits 248. 1990 kamen 668 Kinder und bis zum Jahr 2000 hatte sich die Anzahl der Kinder mit 2.704 mehr als vervierfacht. Zunehmend kamen nicht nur Kölner Kinder, sondern auch Kinder aus den umliegenden Kreisen. Die Mitarbeiterzahl stieg von zwei auf rund 150.
 
Der mittlerweile erhebliche Praxisanteil und die damit verbundenen organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Aufgaben der Frühförderabteilung führten im August 1991 zu einer formalen Trennung von Wissenschaft und Praxis:
Der eingetragene Verein „Forschungsgemeinschaft für das körperbehinderte Kind“ wurde umbenannt in „Zentrum für Frühbehandlung und Frühförderung e. V.“ Die Forscher wurden durch die Gründung eines An-Institutes der Heilpädagogischen Fakultät der Universität zu Köln angegliedert. Inhaltliche Schwerpunkte des An-Instituts sind heute die Kommunikationserschwernisse körperbehinderter Menschen und die Beratungsstelle „Kommunikationshilfe für schwerstbehinderte Menschen“ unter der Leitung von Dr. Heinz Sevenig.
 
Der Verein „Zentrum für Frühbehandlung und Frühförderung“ hat 1998 im Sinne einer verantwortungsvollen Führung seiner vielfältigen Aufgaben eine gemeinnützige GmbH gegründet. Es sind zwei Geschäftsführer bestellt, von denen einer immer ehrenamtlich tätig ist. Zurzeit sind dies die Dipl.-Psychologin Karin Grevelhörster und der Syndikusanwalt a. D. Walter Stocker. mehr über die Organisation des Zentrums
 
Frühförderung immer auf dem neuesten Stand
Die enge Verbindung zur Forschung ist dem Zentrum für Frühbehandlung und Frühförderung indes geblieben: Die Auseinandersetzung mit neuen Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie und Neuropsychologie, neue methodische Ansätze der Frühbehandlung und Rehabilitation gehören zur Aufgabe aller Mitarbeiterinnen im Zentrum.
Eine so große multidisziplinäre Einrichtung wie es das Zentrum für Frühbehandlung und Frühförderung ist, hat auch eine große Verpflichtung zur Fortbildung ihrer verschiedenster Berufsgruppen.
 
Dieser Verpflichtung kommt das Fortbildungszentrum des Vereins „Zentrum für Frühbehandlung und Frühförderung“ seit dem Jahr 2000 mit seinem vielfältigen Fortbildungsprogramm für medizinisch-therapeutische und pädagogisch/psychologische Berufsgruppen der Frühförderung im gesamten deutschsprachigen Raum nach.
Eine langjährige Tradition hat bereits die Zusatzausbildung für Krankengymnasten/innen, der „Bobath-Kurs“, der regelmäßig im Fortbildungszentrum durchgeführt wird. mehr zum Fortbildungszentrum
 
Von interdisziplinärer Frühförderung zur Komplexleistung Frühförderung
Der interdisziplinäre Ansatz, der eine ganzheitliche, komplexe Leistung für das Kind vorsieht, prägt die Arbeit des Zentrums schon seit über 40 Jahren.

2001 hat der Gesetzgeber im Sozialgesetzbuch IX diesen Ansatz in der Komplexleistung Frühförderung gesetzlich verankert. Mit dem Jahr 2007 sind nun auch die organisatorischen Gegebenheiten auf diese Leistung abgestimmt.

Damit ist die Frühförderung in Deutschland einen großen Schritt vorangekommen. Die Impulse aus Theorie und Praxis der Forschungsgemeinschaft „Das körperbehinderte Kind“ e. V. und des Zentrums für Frühbehandlung und Frühförderung haben in ihrer nunmehr 50-jährigen Geschichte dabei sicherlich immer wieder ein Stück des Weges geebnet.

Das Zentrum für Frühbehandlung und Frühförderung bedankt sich auf diesem Wege bei allen Initiatoren, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Weggefährten, die die Arbeit in und an der Frühförderung geprägt und vorangetrieben haben … und bei allen, die sich heute engagieren. Ganz besonders jedoch bei seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Denn:

Frühe Hilfen sind wirksame Hilfen!
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Quellen
Forschungsgemeinschaft „Das körperbehinderte Kind“ e. V. (Hg.): 20 Jahre Forschungsgemeinschaft „Das körperbehinderte Kind“ e. V. 1965 – 1985. Ergebnisse und Perspektiven, Köln 1985.
Zentrum für Frühbehandlung und Frühförderung e. V. (Hg.): Festschrift „40 Jahre Interdisziplinäre Frühförderung in Köln 1964-2004", Köln 2004.